Sie möchten diese Information von HOLM mit anderen teilen?

Sie möchten diese Information über einen Social Network- oder einen Bookmark-Dienst teilen:

Facebook Twitter AddThis
×

Besuchen Sie uns:



Förderpartner des HOLM


×

HOLM - Baustellenkamera

×
Frankfurt am Main, den 08.12.2017

Projekte der Innovationsförderung (3): "Analyse von mikroskopischen Nutzungsdaten als Grundlage für die Entwicklung flexibler Tarife"

Projekt der Universität Kassel

 

Das Land Hessen und die HOLM GmbH unterstützen seit 2014 im Rahmen der hessischen Innovationsförderung innovative Projekte und Vorhaben im Bereich Logistik und Mobilität. Inzwischen sind zahlreiche Ideen aus Mitteln des Landes und unter der Projektträgerschaft der HOLM GmbH und der HA Hessen Agentur GmbH gefördert und viele Projekte abgeschlossen worden. In den nächsten Monaten werden wir in loser Folge die Projekte vorstellen.

Heute präsentieren wir das Projekt "Analyse von mikroskopischen Nutzungsdaten als Grundlage für die Entwicklung flexibler Tarife", das sich mit elektronischen Fahrgeldmanagementsystemen beschäftigt. Die Fragen beantwortete Herr Prof. Dr.-Ing. Carsten Sommer vom Fachgebiet Verkehrsplanung und Verkehrssysteme.

1. Wie ist die Idee für das Projekt entstanden?

Elektronische Fahrgeldmanagementsysteme (EFM-Systeme) als neuer Vertriebsweg werden in jüngerer Vergangenheit in vielen Regionen in Deutschland umgesetzt. Dabei werden zumeist (teilweise in einem ersten Schritt) die vorhandenen Tarifprodukte zusätzlich zum bestehenden Vertriebssystem über ein mobiles Endgerät oder die Chipkarte nutzbar gemacht.

EFM-Systeme bieten allerdings die Möglichkeit neue Tarifprodukte einzuführen, die beispielsweise die Ermittlung des Fahrpreises enger mit der in Anspruch genommenen Leistung verknüpfen oder Rabattregelungen für häufigere Nutzung enthalten. Die Entwicklung solcher flexiblen Tarife setzt jedoch die Kenntnis des Nutzerverhaltens der ÖPNV- und insbesondere der E-Ticket-Kunden voraus. Aus dieser Notwendigkeit ist die Idee entstanden, mit den vorhandenen Nutzungsdaten des get»in-Systems aus über zehn Jahren Betriebszeit entsprechende Analysen durchzuführen, die eine Beschreibung des inter- und intrapersonellen Verhaltens ermöglicht. Auf die gewonnenen Erkenntnisse soll in weiteren Projekten aufgebaut werden, die beispielsweise eine Tarifentwicklung oder die Anwendung statistischer Methoden auf Nutzungsdaten des ÖPNV zum Inhalt haben.

2. Welche Bedeutung hat/hatte die HOLM-Innovationsförderung für das Projekt?

Die Ergebnisse und Erkenntnisse dieser Grundlagenstudie sind die Basis für weitere Forschungsprojekte des Fachgebiets Verkehrsplanung und Verkehrssysteme der Universität Kassel (siehe auch die Antwort zu Frage 5). Von daher hat die Forschungsförderung nicht nur dazu beigetragen, neue Erkenntnisse zur ÖPNV-Nutzung zu generieren, sondern auch weitergehende Forschungsideen zu entwickeln

3. Welchen Nutzen für Wirtschaft und/oder Wissenschaft / Politik / Gesellschaft sehen Sie für Ihr Projekt?

Die datengestützte Tarifentwicklung im ÖPNV sollte vor allem durch den voranschreitenden Digitalisierungsprozess in absehbarer Zukunft zum Standard werden. In anderen Branchen werden entsprechende Analysen des Nutzungsverhaltens bereits seit Jahren zu Marketingzwecken eingesetzt und sogar für personalisierte Angebote eingesetzt. Durch EFM-Systeme erhalten die Anbieter (Verkehrsverbünde und –unternehmen) einen „Datenschatz“, der sowohl für die Tarifentwicklung, als auch für weitere Aspekte wie die Angebotsplanung genutzt werden kann. Das Projekt hat eine erste Grundlage dafür geschaffen.

4. Was hat Sie am Projekt am meisten überrascht?

Die Analyse der Nutzungsdaten hat uns ein Phänomen offenbart, das bisher in Wissenschaft und Praxis unbekannt war. An rund 40% der Tage, an denen die Kunden den ÖPNV nutzen, wurde das get»in-System nur für eine ÖPNV-Fahrt am Tag genutzt. Selbstverständlich können Nutzer, die auf ihrem Hinweg mit dem Bus gefahren sind, auf dem Rückweg im Pkw mitgenommen werden oder teilweise auch zu Fuß gehen. Der Anteil von 40% ist aber unerwartet hoch, da man bisher eher „symmetrisches Verhalten“ unterstellt (Verkehrsmittelwahl bei Hin- und Rückweg identisch). Dabei ist zu beachten, dass es sich bei den get»in-Kunden um eine spezielle Kundengruppe handelt, weil der Anteil der Gelegenheitskunden überproportional hoch ist und beispielweise keine Schüler enthalten sind. Eine differenzierte Auswertung ergab allerdings, dass der entsprechende Anteil der Tage mit nur einer Fahrt bei den Stammkunden bei etwa 25%, und damit immer noch unerwartet hoch, lag. Aufgrund weiterer Datenanalysen mit Nutzungsdaten des Kolibri-Systems in Schwäbisch Hall und der Befragungsdaten des Mobilitätspanels kann bereits festgestellt werden, dass dieses beobachtete Verhalten der Kunden kein Spezifikum des get»in-Systems war, sondern generell bei der ÖPNV-Nutzung aufzutreten scheint. Um es tiefergehend zu analysieren, müssen weitere Datenquellen (insbesondere Befragungsdaten) herangezogen werden, die Rückschlüsse auf die Hintergründe der Wahlentscheidungen ermöglichen.

5. Wo sehen Sie weiteren Forschungs-/Anwendungsbedarf und/oder Einsatzbereich?

Das Projekt dient uns als Grundlage für weitere Forschungsvorhaben. Aktuelle bearbeiten wir beispielsweise das vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur geförderte Projekt „FlexiTarife“, dem die Tarifentwicklung auf Basis der Nutzungsdatenanalyse ein entscheidender Baustein ist und indem die auf diese Weise entwickelten Tarife und deren Wirkungen untersucht werden. Ein weiteres Projekt, das sich gerade in der Antragstellung befindet, beschäftigt sich eher mit der mathematisch-methodischen Weiterentwicklung der im Projekt entwickelten Ansätze zur Datenanalyse. Beide Themen werden aus unserer Sicht, wie oben erwähnt, in naher Zukunft noch weiter an Bedeutung gewinnen.

6. Mit welchen Partnern möchten/wollen Sie das Projekt fortführen/weiter entwickeln?

Verkehrsverbünde- und unternehmen sind einerseits Betreiber der EFM-Systeme und andererseits Nutznießer der Ergebnisse, die auf Basis der EFM-basierten Nutzungsdaten abgeleitet werden können. Daher forschen wir im Projekt „FlexiTarife“ gemeinsam mit zwei Verkehrsverbünden und einem städtischen Verkehrsunternehmen an der Entwicklung und Erprobung flexibler Tarife im ÖPNV.